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COVID-19 in Costa Rica und Lateinamerika

Eine kurze Bestandsaufnahme

29.05.2020

Costa Rica hat sich seit Mitte März (Quarantäne-Erklärung) sehr gut gehalten. Die Anordnungen „zu Hause bleiben“, die Schliessung der Schulen, Universitäten, Geschäfte, Lokale usw. wurde akzeptiert und befolgt. Für die Costarikaner war es ziemlich hart, vor allem, weil sich traditionell in der Osterwoche die Massen an die Strände bewegen, um eine Woche Ferien zu machen.

Während der 9 Wochen, die seither vergangen sind, verlief die Ansteckungskurve sehr flach und mit dem heutigen Datum weist CR 1045 Ansteckungen auf, 10 Sterbefälle und 646 wieder Geheilte. Das ist bei weitem die niedrigste Sterberate von ganz Lateinamerika. Das ist sicher das Resultat einer gut ausgebauten Gesundheitsversorgung. Bis in die kleinsten Dörfer gibt es die Gesundheitsposten, die eine sehr bürgernahe Betreuung und Aufklärung der Bevölkerung möglich machen. Die Kapazitäten der Krankenhäuser sind ausgebaut worden und zaghafte Privatisierungen im Gesundheitswesen konnten in CR nie richtig Fuss fassen. Auch was die Massnahmen für einen Ausgleich der wirtschaftlichen Folgen der Quarantäne betrifft, hat CR rasch gehandelt. Ausgleichszahlungen fuer die Arbeitslosen wurden aus den Rücklagen der verstaatlichten Betriebe und durch internat. Kredite finanziert und Lebensmittelpakete für die Familien mit Schulkindern im ganzen Land verteilt. Anekdote am Rande: President Carlos Alvarado machte den Vorschlag, die höheren Einkommensgruppen speziell mit einer Covi-Steuer zur Kasse zu bitten. CR ist das Land in Lateinamerika mit der extremsten Einkommensschere zwischen arm und reich. Da meldeten sich aber sofort die internationalen Geldgeber zu Wort und mahnten, dass das eine diskriminierende Massnahme sei. Das wäre nicht empfehlenswert.

Seit gut 2 Wochen werden in CR die Massnahmen nach und nach gelockert. Restaurants, Geschäfte sind wieder offen, Nationalparks und Strände können wieder besucht werden und sogar die Fussballmeisterschaft auf nationaler Ebene ist wieder angelaufen. Nur die Schulen bleiben bis Mitte Juli geschlossen.

Was die unmittelbare Zukunft betrifft, sind die Ticos optimistisch. Optimistisch in dem Sinn, dass sie einen exponentiellen Anstieg nicht mehr befürchten. Man ist in diesen Breiten an Ausnahmezustände, wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, Hurrikane oder Überschwemmungen gewohnt. Und man lebt in einer permanenten wirtschaftlichen Krise und kämpft ums Ueberleben.

In diesen Tagen wurde unser Kanton Perez Zeledon (145.000 Einw.) zum Notstandsgebiet wegen Dengue-Fieber erklärt. In den ersten 4 Monaten 2020 wurden in unserem Kanton 215 Dengue-Fälle registriert. In ganz CR gab es 1760 Ansteckungen und 22 Sterbefälle. Das ist dreimal so viel wie im selben Zeitraum im letzten Jahr. Ohne Zweifel ist dieser Anstieg auf eine Vernachlässigung der Massnahmen gegen Dengue zurückzuführen. Alles war auf Covi-19 konzentriert und die regelmässige Bekämpfung der Stechmücke Aedes Aegypti kam zu kurz. Dengue hat die Auswirkungen einer schweren Grippe, doch bei einer zweiten Infektion kann es zu inneren Haemorragien kommen, die oft zum Tode führen.

Im politischen Bereich hat die Bevölkerung das Management der Krise durch die Regierung positiv gewertet. Der President Carlos Alvarado, der aus der der Partei, PAC (Partido Acción Ciudadana, einem linken Flügel der Sozialdemokraten, PLN) kommt, hatte eine extrem niedrige Unterstützung vor Covi-19 in der Bevölkerung. 2019 hatte er eine sehr unpopuläre Steuerreform, die die Lehrer, Beamten, das Personal des Gesundheitssystems, eben den in CR recht wichtigen Mittelstand, zur Kasse bat, durchgepeitscht. Drei Monate waran die Lehrer damals im Streik. Ohne Erfolg!

In der Covi-19 Krise profilierte sich dann Alvarado durch eine Linie, die den öffentlichen Sektor als Garant, die Krise zu bestehen, in den Mittelpùnkt rückte. Er lobte die öffentliche Gesundheitsversorgung und die Bereitschaft der autonomen, öffentlichen Betriebe, ihre finanziellen Überschüsse in der Notsituation zur Verfügung zu stellen. Vor wenigen Tagen erneuerte er einige Minister seines Kabinettes. Vor allem den Finanzminister, Rodrigo Chaves, der darauf pochte, die neoliberale Steuerreform und die Strukturreformen konsequent fortzusetzen. Ersetzt wurde Chaves duch den Direktor der staatlichen Versicherungsanstalt (INS), Elian Villegas, der sich mehrmals durch Einwände gegen den Beitritt Costa Ricas in den Klub der Reichen (OECD) bemerkbar gemacht hatte.

Für die Costarikaner sind die Bereiche, Bildung, Gesundheit, Energie (ICE) heilige Kühe. Immer wieder versuchte die Privatwirtschaft diese Sektoren anzutasten, mit wenig Erfolg.

Im praktischen, menschlichen Bereich versuchte man hier in dieser Zeit, die Arbeit in den Betrieben und den Unterricht digital so weit wie möglich weiterzuführen. Die Grenzen waren technischer Art. Fehlen von Computern und Mangel an Erfahrung.

Am Land änderte sich in der Lebensführung sehr viel weniger als in der Stadt. Die Bauern gingen wie gewohnt auf den Feldern ihrer Arbeit nach. Es wurden grosse Anstrengungen gemacht, die Hausgärten zu erneuern und zu erweitern. Man hatte Zeit und die Kinder halfen. Für viele Familien waren das interessante Erfahrungen, eine neue Nähe zu ihren Kindern.

Schauen wir den Rest Zentralamerikas und Lateinamerikas an, so müssen wir sagen, dass trotz der schwierigen sanitären und wirtschaftlichen Situation in der Mehrheit dieser Länder die Katastrophe, die viele erwarteten, nicht eingetreten ist. Honduras, das ein desolates Gesundheitssystem aufweist, hatte 2019 durch eine Dengue-Epidemie 113.000 Ansteckungen, 180 Sterbefälle, und 30 Krankenhäuser standen vor dem Kollaps. In der Covi-19 Krise hatten sie 3000 Ansteckungen und 147 Sterbefälle. Die höchste Sterbensrate von Zentralamerika. Sie holten sich dann kubanische Ärzte ins Land und die Situation verbesserte sich.

Panama hatte die höchste Infektionszahl von Zentralamerika: 10.000 Infizierte und 267 Sterbefälle. Man nimmt an, dass das hauptsächlich mit der starken internationalen Verbindung von Panama (Kanal und Flugverkehr) zusammenhängt.

Nikaragua ist ein Sonderfall in Zentralamerika. Die sandinistische Regierung ging den Weg von Schweden. Keine Schulschliessungen, Restaurants, Geschäfte, Grenzen, ... Alles blieb offen. Die Entscheidung, keine totale Quarantäne zu verhängen, geht vor allem auf das Argument zurück, dass die Strukturen von Nikaragua eine totale Lahmlegung der Wirtschaft nicht überlebt hätten. 75 % des Wirtschaftsvolumen werden in Nikaragua von Kleinbetrieben oder Genossenschaften erarbeitet. Aber Nikaragua verfügt auch über ein sehr robustes Gesundheitssystem. Dezentralisiert gibt es in allen grösseren Dörfern Gesundheitsstationen. Oft mit Unterstützung von Ärzten aus Cuba. Was in den ultraliberalen Regierungspèrioden von Violetta Chamorro und Arnoldo Aleman im Gesundheitssektor im Privatisierungsfieber abgebaut wurde, holte Daniel Ortega wieder auf. In seiner Zeit wurden 18 neue Spitäler errichtet. 37.000 Krankenschwestern und Hilfskräfte und 6.045 Ärzte arbeiten heute in diesem Bereich. Und Nikaragua zählt heute in der Covi-19 Krise nur 760 Ansteckungen, 35 Sterbefälle und 200 Gesundete.

Denselben Weg geht Venezuela. Auch dort ist die Krise durch ein sehr volksnahes Gesundheitssystem und durch die Assistenz von Cuba gut weggekommen: 618 Ansteckungen, 10 Sterbefälle und 253 Gesundete.

Die Kubaner, die auf eine lange Tradition zurueckblicken koennen und bei Hilfseinsätzen in der ganzen Welt Erfahrungen sammeln konnten, haben den Rekord bei den Gesundeten. Ihre Bilanz sieht so aus: 1881 Infizierte, 80 Sterbefälle und 1500 Gesundete. Kuba hat heute trotz 60 Jahren Boykottmassnahmen eigene Labors zur Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Im kubanischen System kommt auf je 10 Mitbürger 1 Krankenschwester.

Ich habe mich in diesen letzten Wochen oft gefragt, wieso die Covi-19 Krise in Lateinamerika so anders als in Europa (vor allem Spanien, Frankreich und Italien) verlaufen ist. Man sagt hier, dass dem Covi-Virus hohe Temperaturen nicht so recht bekommen. Andere behaupten, dass die Bevölkerungsstruktur hier eine so ganz andere ist. Lateinamerika hat eine sehr junge Bevölkerung. In Nikaragua macht der Prozentsatz der 65-Jährigen und darüber gerade halt 5 % aus. In Frankreich sind es 20 %. Weder hier noch in Nikaragua gibt es viele Altenheime. Die älteren Leute leben in der Regel in der Grossfamilie mit. Andere Argumente, die ich gehört habe, sind, dass es hier viel weniger Fettleibigkeit und Zuckerkrankheit gibt. Die Nikaraguaner sind in der Regel ein körperlich schwer arbeitendes Volk. Man sieht da im Strassenbild ganz wenige mit Übergewicht.

Am Ende möchte ich noch erwähnen, dass man heute wenig daran denkt, dass die Corona-Krise eine enorme Verarmung gerade der verwundbarsten Bevölkerungsschichten bewirken wird. Wie in Europa weiss man auch hier nicht, wann und ob dies in absehbarer Zeit gutgemacht werden kann. Die costarikan. Krankenkasse (CCSS) spricht von einer halben Million, die bald nicht mehr die Beiträge werden zahlen koennen. In einem Land wie Costa Rica von ca. 5 Mio Einwohnern hat das Gewicht.

Zweiter Aspekt: Durch die weiteren Millionen-Kredite von FMI und anderen Institutionen wird damit CR noch weiter in die Schuldenfalle getrieben. Es wird mit noch mehr Neoliberalismus dafür zahlen müssen, falls kein grosser Widerstand sich regt ...

Aussicht:

Wird sich was ändern?

Bleiben Funken in den Köpfen
Die sich vermehren
Und zu Blitzen und Gewittern werden
Und sich treiben lassen in den Flüssen und Meeren
Und nicht mehr aufzuhalten sind
Und die fruchtbaren, dunklen Böden
In rankende Kathedralen verwandeln
Und die Liebe zu allem Seienden
Zum höchsten Gut erklären.
Der Tag wird kommen müssen.

Roland Spendlingwimmer, Costa Rica, am 29.05.2020




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